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In den modernen Industriegesellschaften ist der Müll längst zur realen Bedrohung und globalen Hypothek der menschlichen Zivilisation geworden. Als besonders aktuelles und brisantes Beispiel sei nur auf den Plastikmüll verwiesen, der die Weltmeere verseucht. Müll entsteht erst mit der menschlichen Bearbeitung der Natur und ist somit in gewisser weise ein kulturelles Phänomen. Ohne Kultur, kein Müll, im Umkehrschluss aber auch ohne Müll keine Kultur ?! “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein”, schrieb schon Walter Benjamin hellsichtig im Passagenwerk. Und das gilt nicht nur für die Hochkultur, sondern für jede Kulturleistung der Menschen.

Der deutsche Aktionskünstler HA Schult (*24.06.1939 als Hans-Jürgen Schult) hat sich dem Müll gestellt, ihn als Lebensthema seiner Kunst gewählt und damit den Exzessen der westlichen Überflussgesellschaft den Spiegel vorgehalten. Bereits 1968 , vier Jahre bevor der Club of Rome in seiner Studie der Weltwirtschaft die “Grenzen des Wachstums aufzeigte” und das Thema des ökologischen Ungleichgewichts erstmals eine breite Öffentlichkeit fand, hatte sich HA Schult mit seiner Aktionskunst gegen mangelnde Nachhaltigkeit in der Gesellschaft und bloße Konsumorientierung mit entschiedener Eindeutigkeit positioniert. Seine Ausstellung Biokinetische Situationen (1996), die den Zeitfaktor bewusst thematisierte war ein Meilenstein der Kunstgeschichte.

HA Schult hat 1972 und 1977 an der documenta teilgenommen. Seine Aktionen erzielten eine enorme mediale Breitenwirkung, wobei in jenen Jahren die vielschichtige künstlerische Qualität der Arbeiten oft genug hinter der sozialpolitischen Botschaft zurück stehen mussten. Am bespannten wurden die Kunstinstallation Trash People, mit der seit 1996 unter anderen in Paris, Moskau, Peking, Kairo Vorleben, Brüssel, Köln, Rom, Barcelona, Washington D.C. und der Arktis unterwegs war. Die seit 1970 entstandenen Schaukastenbilder (Picture Boxes) zeigen apokalyptisch übersteigerte Mülllandschaften, in die man eintauchen und in denen man sich verlieren kann. Mit seinen Picture Boxes, steht Schult in der Tradition der Dioramen und Kastenkrippen, die in der christlichen Volkskunst der Barockzeit verbreitet waren und sich bis ins 19 Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuten. Mit seinem Palmesel nimmt er Bezug auf diese Tradition. Die Skulptur zeigt Jesus auf der Eselin, Symbol absoluter Friedfertigkeit, auf der er in Jerusalem einzog. Wie schnell wandelte sich dort das “Hosianna” in “Kreuzige ihn”.  In HA Schults Arbeit zieht Jesus, über müllgeschwängerte Landschaften  in die Metropolen der heutigen Welt.

Das Vergessene, das Weggeworfene wird dabei umgedeutet und verknüpft so die Kunst eng mit dem Gedanken der Ökologie. Zugleich stellt der Künstler aber auch die Schönheit des Materials heraus, das im “All Over” seiner Bildkonzeptionen zwischen Auflösung und Formwerdung vieldeutig oszilliert. Darin manifestiert sich die künstlerische Qualität der Arbeiten, die wir heute ebenfalls mit neuen Augen sehen .

Konsumwahn, die schnelllebigkeit der westlichen Überflussgesellschaft,  Müll – das sind Themen die auch das Künstlerduo Enfants Terrible durch ihre Werke behandelt.

Bestehend aus Nana Rosenørn Holland Bastrup (* 1987 in Kopenhagen in Dänemark) und Matvey Slavin (* 1987 in St. Petersburg in Russland),  wurde das Duo in Hamburg im Jahr 2012 gegründet und benannt nach ihrer Aktion Enfants Terribles – eine weitergedachte Hommage an die Spinnenskulptur Maman, die im Mai 2012 auf dem Außenplateau der Hamburger Kunsthalle in Hamburg platziert war. Zu der bekannten Skulptur von Louise Bourgeois haben Nana Bastrup und Matvey Slavin 16 Spinnenkinder dazugestellt. Die Werke des Künstlerpaares sind in ihrer spielerischen Weise, provokativ, sowohl hinsichtlich gesellschaftsrelevanter Themen als auch hinsichtlich ihrer Haltung gegenüber dem Kunstmarkt, dem Kunstbetrieb und in ihrer Haltung gegenüber sich selbst.

Dabei spielt Trash als Medium und Message generell eine große Rolle im Werk von Enfants Terribles. Das wird besonders in der Faktur ihrer Skulpturen sichtbar, deren Verfertigung aus billigem Material sie natürlich auch in die nähe der art Power rückt.