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Anfang der Woche habe ich der Kulturstadt Wien einen Besuch abgestattet, und mich in den quirligen Gassen, Wienerkaffeehäusern, Theatern und Museen treiben lassen…

Ein kurzer Besuch, aber dennoch hatte ich Zeit mir die neue Ausstellung im mumok “Körper, Psyche & Tabus – Wiener Aktionismus und die frühe Wiener Moderne” anzuschauen. Das mumok im Wiener Museumsquartier besitzt die weltweit größte Museumssammlung zum Wiener Aktionismus. Deren Vertreter wie Günter Brus, Otto Muehl und Hermann Nitsch sorgten in den 1960er-Jahren mit ihrer Kunst auch international für Aufregung. Wie schon die Wiener Moderne um 1900 war auch der Wiener Aktionismus eine Zeit der Aufbruchsstimmung.

Die Ausstellung “Körper, Psyche und Tabu” will die Zusammenhänge des Wiener Aktionismus und der Wiener Moderne ergründen. Werke der “Skandalkünstler” Brus, Muehl, Nitsch und Rudolf Schwarzkogler sind Arbeiten gegenübergestellt,  ihrer ebenfalls umstrittenen Kollegen vom Jahrhundertanfang – von Richard Gerstl über Oskar Kokoschka und Koloman Moser bis Gustav Klimt und Egon Schiele. Unter anderem ist Klimts weltberühmtes Gemälde Nuda Veritas zu sehen.
Nicht zufällig nahmen sich die Protagonisten des Wiener Aktionismus die heute so weltberühmten Künstler der Zeit nach 1900 mit deren radikalen Körperbezügen und Tabubrüchen wie auch mit deren interdisziplinären und synergetischen Kunstformen zum Vorbild ihrer eigenen Kunst. Darstellungskonventionen und Kunstgattungen wurden wie schon um 1900 neu bestimmt, der Glaube an die Umgestaltung der Gesellschaft durch Kunst beflügelte die Utopien und radikalen Provokationen gegen traditionelle Ordnungen.
Neben zahlreichen motivisch-stilistischen Verwandtschaften verweist die mumok- Ausstellung vor allem auf inhaltliche Parallelen. Sowohl zu Jahrhundertbeginn als auch in den 1960er-Jahren wird der menschliche Körper als Spiegel und Widerpart existenzieller und gesellschaftlicher Erfahrungen thematisiert. Das psychologische Porträt, aber auch der exponierte Körper und dessen Erfahrungen von Schmerz durchziehen die Werke beider Generationen. Selbstdarstellungen als MärtyrerINNEN sind in diesem Zusammenhang keine Seltenheit und verweisen auf Konzepte vom Künstler als Priester und Erlöser der Gesellschaft. Beengende Grenzen wurden geöffnet und Wege zu einem interdisziplinären Kunstverständnis geebnet. Dieses bezieht nicht nur fotografische (und später filmische), theatrale, literarische und musikalische Kunstformen mit ein und verknüpft diese oftmals miteinander: Mit der Psychoanalyse und sprachkritischen Ansätzen werden auch die Potenziale avancierter Wissenschaften in die künstlerische Arbeit einbezogen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Mai 2016. Wer also in der Zeit sich zufällig (oder ganz bewusst) in Wien aufhalten sollte, muss die Ausstellung “Körper, Psyche & Taboos” im mumok, als Pflichtbesuch ansehen. Wer sich verhindert sieht in dieser Zeit, kann sich entweder den Katalog bestellen, oder einfach hier auf unserem Blog, sich Vorweg schon einige Bilder der Ausstellung anschauen.

Museum moderner Kunst
Stiftung Ludwig Wien
Museumsplatz 1, 1070 Wien
info@mumok.at
Öffnungszeiten: Montag: 14.00-19.00 Uhr , Dienstag bis Sonntag: 10.00-19.00 Uhr
Donnerstag: 10.00-21.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 4. März bis 16. Mai 2016